Un importante ritrovamento benjaminiano

Grazie a Silja, posto questa notizia, pubblicata nella NZZ dell’otto ottobre, giornale che, a profitto dei miei amici che non vedono l’ora di ’prendermi per il culo’, non ho cercato per tutta l’Austria. Come nostro ’zio’.
Lo trovo, semplicemente, sotto casa.
Aspettiamoci, dunque, la nuova ’opera completa’ benjaminiana, questa volta curata dai giornalisti.

8. Oktober 2005, Neue Zürcher Zeitung
Die Krise der Intelligenz als Krise des Buches Gefunden: Texte Walter Benjamins in einem Moskauer Archiv

*Noch immer tauchen in Archiven in West und vor allem in Ost Zeugnisse der vor der Hitlerdiktatur geflohenen europäischen Intelligenz auf. Zu berichten
ist von einem Fund in Moskau, der Aufzeichnungen und Entwürfe Walter Benjamins birgt, des Kritikers und Philosophen, der sich 1940 auf der Flucht
vor den Nazis das Leben nahm.*

Von Reinhard Müller und Erdmut Wizisla

Als Walter Benjamin 1929 seinen Aufsatz «Der Sürrealismus» in der «Literarischen Welt» publizierte, kündigte er im Untertitel eine Perspektive an, die in den Jahren danach einen unheimlichen Beiklang bekommen sollte: «Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz». Benjamin gehörte zu den Denkern von wahrhaft europäischer Gesinnung, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Mit einem Gespür für wissenssoziologische Problemstellungen hat er den Prozess der Zerstörung
intellektueller Potenziale früh erkannt und beschrieben. Ein bedeutender Archivfund in Moskau zeigt den Kritiker und Schriftsteller jetzt beim Analysieren der Folgen dieses geistigen Notstands.

Der Ort der Entdeckung ist das «Sonderarchiv», eine früher dem KGB, jetzt dem Militärarchiv zugeordnete Sammlung von NS-Beständen und Nachlässen (u.
a. von Walter Rathenau), die von der Roten Armee in Deutschland beschlagnahmt wurden. In diesem Archiv lagern auch Bestände, die die Gestapo im besetzten Frankreich erbeutete. Der Nachlassteil Benjamin - Manuskripte, Briefe und Dokumente, die im Juni 1940 in Benjamins letzter Pariser Wohnung verblieben waren - galt als «rückgeführt», seit er 1957 an die DDR übergeben worden war. Lediglich Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften sollten noch in Moskau liegen. Doch in einer Mappe, deren Inhalt im Findbuch mit «Zeitungsausschnitte» angegeben war, fanden sich etwa zweihundert Blatt von Benjamins Hand: Aufzeichnungen, Exzerpte, Briefentwürfe von Benjamin, Briefe an ihn, fremde Typoskripte sowie Bücher und Zeitschriften aus Benjamins Bibliothek, deren Spuren sich bisher auf rätselhafte Weise um 1940 in Paris
verloren. Zu den fremden Arbeiten gehören Adornos Singspiel «Der Schatz des Indianer-Joe», Brechts Szenenfolge «Furcht und Elend des Dritten Reiches»
und Gedichte von Brecht, Stephan Lackner und Werner Kraft.


«MASS UND WERT»

Die eigentliche Überraschung sind jedoch die Aufzeichnungen und Briefentwürfe Benjamins. Darunter befinden sich Teile der Manuskripte «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» und «Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker» sowie der Rezension des Romans «Die Rettung» von Anna Seghers. Sie entstand, wie ein ebenfalls aufgefundener Briefentwurf zeigt, auf Wunsch der Autorin. Zwei Projekte sind durch die Entdeckung jetzt erst kenntlich: Benjamins Lektorat eines Sammelbandes mit Aufsätzen von Max Horkheimer in französischer Übersetzung, mit dem er sich in den Jahren 1936 bis 1938 intensiv befasste, und der 1937/38 für «Mass und Wert» verfasste Aufsatz über das Institut für Sozialforschung. Im Fall des Horkheimer-Bandes, der schliesslich nicht zustande kam, überrascht die
Sorgfalt Benjamins. Es gibt Gliederungen in deutscher und französischer Sprache, Listen der Aufsatztitel, Streichungsvorschläge und auf Silbenzahlen beruhende Umfangskalkulationen - Material, das das Bild des Lesers Benjamin vertiefen kann. Für ihn, der über zwei Jahre die Fäden in der Hand hielt, hatte das Projekt eine enorme strategische Bedeutung, stärkte die Gefälligkeit doch seine Position dem Institutsdirektor gegenüber.

Der hier erstmals abgedruckte Text stammt aus einer frühen Fassung des Textes «Ein deutsches Institut freier Forschung». Der Aufsatz war eine Herausforderung in doppelter Hinsicht: Er musste einerseits den Erwartungen Horkheimers entsprechen, andererseits denen des Redaktors Ferdinand Lion, der «Mass und Wert» mit einem konservativen Kulturbegriff prägte. Obwohl Benjamin die politischen Implikationen durchaus zurückhaltend formulierte, kürzte Lion den Aufsatz und verwies ihn in den Rezensionsteil seiner Zeitschrift, was angesichts des programmatischen Charakters des Textes nicht ohne Perfidie war.

Viele Blätter dokumentieren die dem Aufsatz zugrunde liegende wissenstheoretische Selbstverständigung. Ausgangspunkt von Benjamins Überlegungen war die «Zerstreuung der deutschen Gelehrten im Jahre 1933», eine Erfahrung, die eine Gruppe von Forschern zwinge, «sich und anderen von dem Rechenschaft zu geben, was ihnen, als Forschern, widerfahren war und was ihre Arbeit künftig bestimmen werde». In einer Reihe von Schemata suchte Benjamin die Position des Instituts - und natürlich seine eigene - zu verorten. Diese Blätter sind überschrieben mit dem Begriff «Requisitorium», der mit «Einspruch» oder «Einrede» übersetzt werden kann und im übertragenen Sinne auch «geistiges Rüstzeug» bedeutet. Durch die Aufnahme des Begriffs gibt Benjamin einen faszinierenden Einblick in seine Organisation des
Wissens. «Im Zentrum einer wissenschaftlichen Arbeit, die sich ernst nimmt, stehen Methodenfragen», hatte er geschrieben. Es ging ihm um eine kritische
Wahrnehmung, die von einem «affirmativen Kulturbegriff», von der «Vorstellung eines ein für alle Mal verfügbaren, ein für alle Mal inventarisierten Bestandes an Kulturgütern sich zu distanzieren» hat.


TEXTSTRATEGIEN

An den Manuskripten und Schemata des Instituts-Aufsatzes lässt sich Benjamins Arbeitsweise präzise bestimmen. Einer genauen Textrecherche folgt die versenkende Lektüre, die von einer Technik des Exzerpierens begleitet wird. Daraus bilden sich Kategorien, die den Stoff strukturieren, die Gedanken bilden und Thesen herausprägen. Neben den handschriftlich ausgeführten Textteilen und Notizen, die zum Teil nur auf schmalen Papierstreifen erhalten sind, existiert eine Reihe von Stichwortlisten und
eben «Requisitorien» - ein «Requisitorium gegen die freie Intelligenz», ein «Requisitorium gegen den Pragmatismus» und ein «Requisitorium gegen den Positivismus». Mit Hilfe von Ziffern und meist farbigen Übertragungszeichen systematisierte Benjamin seine Archive. Es ist die Arbeit an Wissenssystemen, wie er sie im «Passagen»-Projekt zur Reife, wenn auch nicht zum Abschluss gebracht hat. Das Material zum Aufsatz über das Institut für Sozialforschung ist ein Mikrokosmos der «Passagen»- und Baudelaire-Studien. - Das aus einer frühen Fassung des Aufsatzes «Ein deutsches Institut freier Forschung» herausgelöste Blatt wirkt wie ein Einzeltext. Das muss nicht
überraschen. In der Erwartung, dass Lion kürzen würde, fand Benjamin eine Struktur, die gerade diese Isolierung möglich macht. Er gab dem Aufsatz den
Charakter eines Puzzles, «das Lions Lust zu Eingriffen dadurch, dass es sich ihnen entgegenkommend darbietet, vielleicht herabmindert». Eine Vorbemerkung, die den «Schlüssel des Puzzles» abgibt, beschreibt die Möglichkeit, Textblöcke zu kombinieren. Sie folgen nicht zwingend aufeinander und können auch unabhängig voneinander gelesen werden. Die Konstruktion des Aufsatzes, provoziert durch Benjamins Ehrgeiz, «den präsumptiven Sabotageabsichten von Lion zu begegnen», erleichtert jetzt die
Rezeption eines spät aufgetauchten Bruchstückes, das im allegorischen Sinne für das Ganze steht.

Der Text fällt seiner programmatischen Bedeutung wegen ins Auge. Inhaltlich gehört er zum Rahmen des Aufsatzes, skizziert er doch die Arbeitsbedingungen
der exilierten Wissenschafter. Die Reflexionen zur Situation des wissenschaftlichen Schrifttums münden in eine Art Editorial, in ein Plädoyer für eine gelehrte Zeitschrift, die der unabhängigen Forschung eine Zukunft erhalten soll. Es wäre kein Text von Benjamin, wenn er nicht durchlässig für die Gegenwart des 21. Jahrhunderts wäre. Der skizzierte Notstand falle nicht mit einer Abnahme wissenschaftlicher Literatur, sondern mit einer Inflation zusammen, einer Überflutung des Buchmarktes. Die Krise der Intelligenz äussere sich als Krise des Buches, und es stelle sich die Frage, ob das Buch seinen alten Platz als Träger wissenschaftlicher Erkenntnis behaupten werde.

Der Historiker Reinhard Müller ist Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Dr. Erdmut Wizisla ist Kommissarischer Leiter des Walter-Benjamin-Archivs der Akademie der Künste, Berlin. Ein ausführlicher Bericht über die Moskauer Funde erscheint in Heft 5 des Periodikums «Mittelweg 36», der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

Die gegenwärtige Situation scheint über die Bücher das Schicksal zu verhängen, keines mehr zu haben. Auch jene, deren Publikation unbehindert geblieben ist, erreichen nur einen kleinen Teil der Leser, für die sie bestimmt und die ihnen bestimmt sind. Auch jene machen dabei keine Ausnahme, die man sich in Genuss eines wenn nicht grossen, so doch stabilen und über die Erde verstreuten Publikums zu denken gewohnt war, von denen man weiter annahm, dass modische Zeitströmungen, selbst politische Veränderungen auf ihre Gestalt und Geltung nur selten und nur langsam einwirken könnten: die gelehrten. Einzelnen Zweigen der Wissenschaft - wie der Psychoanalyse - sind ganze Länder verschlossen; Lehren der theoretischen Physik sehen wir geächtet, die internationale Verbreitung der massgebenden wissenschaftlichen Errungenschaften, die vordem durch wohlfundierte Verlagsanstalten und einen Stab geschulter Uebersetzer gewährleistet waren, sehen wir in Frage gestellt. Andererseits ist die ökonomische Kapazität gerade derjenigen Leserschichten, die von unabhängiger Forschung heute noch räumlich und geistig in Betracht kämen, derart herabgemindert, dass ihre Vorzugsstellung von Nachteilen oft kompensiert wird. Die Situation des wissenschaftlichen
Buches hat sich derart zugespitzt, dass es fraglich zu werden beginnt, ob das Buch seinen alten Platz als Träger wissenschaftlicher Erkenntnis behauptet. Hinzukommt, dass der gedachte Notstand durchaus nicht mit einer Abnahme wissenschaftlicher Literatur zusammenfällt; vielmehr wird der qualitative Ausfall in vielen Ländern begleitet von einer Ueberproduktion zweifelhaftester Art. Inflation. Die Forderung, sich zu orientieren, und nicht anders die, dem Uebergewicht aktueller Verhältnisse über den Gang des
Forschungsberichtes durch dessen eigene Aktualität zu begegnen, drängt von neuem zur Form der gelehrten Zeitschrift. Die Verhältnisse, die die Form der Zeitschrift im drastischesten wie im hintergründigeren Sinne nötig machen, sind es aber zugleich auch, die den Hinweis auf eine solche Zeitschrift nahelegen, wenn einmal es sich gefügt hat, dass eine solche den angemeldeten Desideraten genügen kann. (Geschrieben 1937/38)